
Bericht von Dr. Karin Beyer – Dermatologin aus Essen – Haardiagnose Dr. Beyer https://haardiagnose-dr-beyer.de/
Haarerkrankungen auf dem Vormarsch – ist es nicht Zeit, genauer hinzuschauen?
In den letzten Jahren hat sich das Bild von Haarerkrankungen deutlich verändert. Alopecia areata (AA) zählt zu den häufigsten autoimmunen Haarerkrankungen und betrifft nach aktuellen systematischen Reviews und Metaanalysen weltweit bis zu 2–3 % der Bevölkerung.
Mehrere Auswertungen belegen zudem einen deutlichen Anstieg der Prävalenz über die vergangenen Jahrzehnte – von etwa 1 % vor dem Jahr 2000 auf über 3 % nach 2009 [1–4]. Neuere Modellierungen unterstreichen darüber hinaus eine regionale Variabilität: die höchsten Raten finden sich in Asien, die niedrigsten in Afrika [5].
Auch die vernarbenden Alopezien rücken zunehmend in den Fokus. Besonders für die frontale fibrosierende Alopecie (FFA) mehren sich die Hinweise auf eine Inzidenzzunahme; seit ihrer Erstbeschreibung 1994 gilt sie in vielen Haarsprechstunden weltweit als häufigste Ursache vernarbender Alopezien [6, 7]. Bereits frühe Fallserien dokumentierten einen markanten Zuwachs der Patientenzahlen [8].
Lichen planopilaris (LPP) wird ebenfalls häufiger diagnostiziert. Eine populationsbasierte Untersuchung in einem großen New Yorker Gesundheitssystem ergab jährliche Inzidenzraten von 7,35 pro 100.000 für LPP und 5,41 pro 100.000 für FFA, am häufigsten bei mittelalten, nicht-hispanischen weißen Frauen [9].
Parallel berichten Zentren weltweit, dass FFA zunehmend auch bei jüngeren Frauen und bei Männern auftritt – ein Bild, das eher für eine echte Zunahme als ausschließlich für eine bessere Erkennung spricht [10].
Diese Entwicklungen verdeutlichen: AA, FFA und LPP sind nicht nur häufige, sondern auch dynamische Krankheitsbilder – ein Spiegel für Veränderungen in Umwelt, Immunologie und Versorgung.
Haarerkrankungen sind weit mehr als ein kosmetisches Problem
Die psychische Belastung ist erheblich: Analysen belegen, dass die überwiegende Mehrheit der Patientinnen und Patienten mit vernarbendem Haarausfall eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität erfährt. In einer südafrikanischen Untersuchung erreichten schwarze Frauen mit vernarbender Alopezie im Alopecia Quality of Life Indicator (A-QLI) einen Mittelwert von 67,7/100 – Ausdruck einer nahezu durchgehend starken Beeinträchtigung [11]. Auch eine aktuelle Arbeit aus Kolumbien zeigte bei LPP und anderen vernarbenden Formen hohe Belastungswerte im Dermatology Life Quality Index (DLQI) und im Skindex-29, was auf meist moderaten bis schweren QoL-Impact hindeutet [12].
Darüber hinaus ergab das chinesische CSTAR-Register, dass 7,8 % der Patientinnen und Patienten mit systemischem Lupus erythematodes eine vernarbende Alopezie entwickelten – alle Betroffenen berichteten über eine signifikant reduzierte Lebensqualität [13].
Haarerkrankungen als „Fenster in die allgemeine Gesundheit“
Haarausfall bedeutet nicht nur den Verlust von Haaren; er ist häufig Symptom zugrundeliegender Störungen und damit ein diagnostisches Fenster in die
Allgemeingesundheit.
Für Alopecia areata sind Autoimmunassoziationen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Vitiligo oder Diabetes mellitus Typ 1 gut belegt. Zunehmend rücken auch metabolische Aspekte in den Blick: Metaanalysen berichten über erhöhte Insulin-, C-Peptid- und HOMA-IR-Werte bei AA, und bevölkerungsbasierte Daten zeigen höhere Raten von Prädiabetes und Adipositas [14, 15].
Für Lichen planopilaris (LPP) weisen groß angelegte Analysen auf ein deutlich erhöhtes Risiko für atopische Erkrankungen und Psoriasis hin; in einer landesweiten Studie war das Risiko für atopische Dermatitis über zweifach und für Psoriasis mehr als verdreifacht erhöht, auch allergische Rhinitis trat häufiger auf [16]. Fälle mit klinisch-histopathologischem Overlap zwischen LPP und Psoriasis sind beschrieben [17], und eine große retrospektive Serie zeigt Häufungen weiterer autoimmuner und endokriner Komorbiditäten [18].
Bei der frontalen fibrosierenden Alopecie (FFA) werden hormonelle Faktoren und Autoimmunität diskutiert; daneben rücken Lifestyle- und Umweltfaktoren in den Vordergrund, insbesondere die intensive Nutzung von Kosmetika und Sonnenschutzmitteln mit chemischen UV-Filtern [19–21]. Darüber hinaus gilt FFA als absolute Kontraindikation für bestimmte kosmetische Verfahren: Berichtet sind schwere Verläufe mit persistierender Narbenbildung nach ablativem Laser-Resurfacing sowie Komplikationen nach tiefen Phenol-Croton-Öl-Peelings; zudem sind FFA-Manifestationen nach Facelift-Operationen dokumentiert. Pathophysiologisch relevant sind der Verlust follikulärer Stammzellen – zentral für die Wundheilung – und das Köbner-Phänomen [22–25].
Diese Komorbiditäten machen deutlich: Haarerkrankungen betreffen nicht nur die Kopfhaut, sondern reichen hinein in die Allgemeingesundheit und verlangen ein breiteres medizinisches Verständnis sowie die enge Verzahnung von Dermatologie, Innerer Medizin und Psychodermatologie.
Unterdiagnose und diagnostische Unsicherheiten
Neben Versorgungsdefiziten sind diagnostische Unschärfen ein wesentliches Problem. Scarring- und Nicht-Scarring-Alopezien können sich gerade in frühen Stadien klinisch ähneln; ohne gezielte Diagnostik – etwa Trichoskopie oder Biopsie – ist eine Fehleinschätzung naheliegend [26, 27]. In der Folge werden vernarbende Alopezien nicht selten erst spät erkannt, wenn bereits irreversibler Haarverlust eingetreten ist.
Neuere Arbeiten betonen deshalb die zentrale Bedeutung einer standardisierten trichoskopischen Musteranalyse. Ein dreistufiger diagnostischer Algorithmus, der klinische Muster, Trichoskopie und – bei Bedarf – die ergänzende Biopsie kombiniert, kann die diagnostische Genauigkeit deutlich verbessern und Fehldiagnosen reduzieren [28].
Auch in Deutschland fehlen bislang standardisierte Schulungsangebote, die trichologische
Fragestellungen eingehen. Eine stärkere Ausbildung in trichoskopischer Mustererkennung
und die Anwendung strukturierter Diagnosepfade könnten wesentlich dazu beitragen,
irreversible Verläufe zu verhindern und die Versorgung nachhaltig zu verbessern.
Selbsthilfe – kein Konkurrent, sondern Bindeglied
Gerade weil zwischen medizinischer Versorgung und psychosozialem Bedarf eine Lücke besteht, kommt der Selbsthilfe eine tragende Rolle zu. Alopecia Areata Deutschland e. V. (AAD) ist seit 35 Jahren ein verlässlicher Partner: Der Verein bietet emotionale Unterstützung, vermittelt Wissen, schult im Umgang mit Therapien und ermöglicht Austausch dort, wo die ärztliche Sprechstunde an Grenzen stößt.
Ein weiterer Mehrwert: Selbsthilfegruppen liefern reale Einblicke in Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien im Alltag, machen frühzeitig auf Nebenwirkungen aufmerksam und fördern eine patientenzentrierte Versorgung. Zudem suchen informierte Betroffene früher ärztliche Hilfe – ein entscheidender Faktor, denn: Je länger ein unbehandelter Verlauf anhält, desto geringer sind die Chancen auf Regeneration [29].
Ab September 2025 erweitert die AAD ihr Engagement auf vernarbende Haarerkrankungen – ein entscheidender Schritt, da es in Deutschland bislang keine offizielle Anlaufstelle und belastbare Informationsquelle für diese Patientengruppe gibt.
Es ist Zeit, dem Thema mehr Beachtung zu schenken
Indem Sie als Ärztin oder Arzt bei PatientInnen mit AA, LPP oder FFA auf Selbsthilfegruppen hinweisen, unterstützen Sie diese nicht nur, sondern gewinnen auch wertvolle Zeit, da viele alltägliche Fragen dort beantwortet werden. Die Empfehlung wird oft als echte Unterstützung – und als Ausdruck von Wertschätzung – erlebt.
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Alopecia Areata Deutschland e. V. – Kreisrunder Haarausfall